Das Sorglosticket der Unbegrenzten Verirrung

Micro - 07.01.2026 – Realitätsmechanik, Mobilität

Niemand wusste mehr so genau, wer das Sorglosticket der Unbegrenzten Fahrt ursprünglich erfunden hatte. Wahrscheinlich war es wie mit allen großen Errungenschaften der Zivilisation: Jemand hatte etwas Praktisches gewollt, jemand anderes hatte eine Verordnung darüber geschrieben, und ein dritter hatte aus Versehen einen Dämon integriert.

Das Ticket war ein dünnes Stück Pergament, mit siebzehn Siegeln und drei unsichtbaren Stempeln **. Wer es besaß, durfte im gesamten Land reisen: mit Postkutsche, Omnibus, Fähre, fliegendem Teppich, Regionaldrachen oder - für besonders Mutige - mit der unterirdischen Dampfschwebebahn, die ausschließlich in Kurven fuhr.

[ ** Es war mit einer leicht beleidigten Aura versehen, was aber keinen Grund darstellte etwas nicht zu verlangen. ]

Der monatliche Beitrag führte dazu, dass sich andere Transportwesen benachteiligt fühlten. Die verwaltende Verwaltung der Verwaltung wurde daraufhin mit dem einzigen jemals empfangenen Protestbrief konfrontiert, war deswegen vollkommen überfordert und versprach deswegen sofortige Änderungen.

[ Anmerkung Das kam der übergeordneten Verwaltung der verwaltenden Verwaltung der Verwaltung zupass da sie schon immer der Meinung war, dass ihr Dienstdrachenprivileg damit in Gefahr wäre und sowieso an niemanden etwas verschenkt werden dürfe, was sie nicht nutzen könnten würden. ]

Und dann erschien eines Morgens eine Bekanntmachung an sämtlichen Anschlagtafeln:

Aufgrund gestiegener Leylinien-Speicherkosten, erhöhtem Käsebedarf der Drachen sowie einer Neubewertung der metaphysischen Abschreibung wird der Preis des Sorglostickets um fünf Goldmünzen angehoben.

[ Leylinien: Magisches Infrastruktur-Äquivalent moderner Politik und Verwaltung. Damit kann man jede Preiserhöhung rechtfertigen, ohne je konkret zu werden. ]

Darunter hatte jemand mit Kreide ergänzt:

“Frechheit.”

Innerhalb weniger Stunden hatte sich die Gilde der Ticket-Nutzer gegründet. Ihre Mitglieder erkannten einander an müden Augen, zerknitterten Fahrplänen und der leisen Verzweiflung, die entsteht, wenn man zum dritten Mal in der falschen Richtung unterwegs ist und trotzdem das Gefühl hat, pünktlich zu spät zu sein.

Angeführt wurde die Bewegung von einem Mann namens Lirion Federtritt - ehemals Taschendieb, derzeit Dichter und dauerhaft Besitzer eines schlechten Orientierungssinns.

[ Lirion Federtritt: Mangels Tochter Lyra hatte man ihm den Namen Lirion gegeben. Jemand, der viel unterwegs ist aber keine schweren Spuren hinterlässt. ]

Lirion stand gerade auf Bahnsteig SiebenundDreiViertelMinusEins und starrte auf einen Ankunftsplan, der sich weigerte, dieselbe Sprache zweimal hintereinander zu sprechen.

“Also gut”, murmelte er. “Der Omnibus nach Oberfrankh müsste von Gleis Zwei fahren.”

Der Omnibus, der auf Gleis Zwei einrollte, trug jedoch ein Schild:
“Endstation: Untere Nebelmoore, Umstieg in die Vergangenheit möglich.”

“Schon wieder falsch”, seufzte Lirion und stieg trotzdem ein, weil Erfahrung ihn gelehrt hatte, dass falsche Entscheidungen manchmal schneller zum Ziel führten als richtige.

Währenddessen probten die Barden bereits die ersten Balladen.

“Oh höret die Klage der Pendler so schwer,
der Tod selbst fuhr U-Bahn und kam nicht mehr her.
Drei Stunden Verspätung, kein Kaffee in Sicht,
der Sensemann fluchte - sehr unprofessionell, schlicht.”

Tatsächlich war der Tod an diesem Morgen mit der Linie 4 gefahren. Er hatte schweigend auf einem Klappsitz gesessen und geduldig gewartet, während ein Schaffner erklärte, dass “eine kurzfristige Störung im Jenseitsbetrieb” vorliege. Der Tod hatte genickt. Geduld war schließlich sein Fachgebiet. Trotzdem hatte er sich innerlich eine Beschwerde notiert.

Im Verwaltungsgebäude der Verwaltung tagte zur gleichen Zeit das Große Komitee zur Preisrechtfertigung. Der Sitzungssaal war bis auf den letzten Stuhl gefüllt:
Zwerge mit Tabellen, Trolle mit Taschenrechnern (sie nutzten sie hauptsächlich als Briefbeschwerer) und Menschen mit dem festen Glauben, dass alles lösbar sei, wenn man nur genügend Unterausschüsse gründete.

“Die Drachen verlangen mehr Käse”, sagte ein Beamter mit einer Stimme wie kalter Haferbrei.

[ Aus Gründen der innerdienstlichen Arbeitsvermeidung wurde die Protestnote durch einen Drachen und etwas Käse ersetzt. Beamte existieren schließlich, um Wirklichkeit in harmlose Metaphern zu übersetzen. Wahrheit verursacht Rückfragen. ]

“Drachen fressen gar keinen Käse”, knurrte ein Zwerg.

“Sie verlangen ihn trotzdem. Es geht ums Prinzip.”

Ein Troll hob vorsichtig die Hand. “Könnten wir nicht einfach mehr Ziegen opfern?”

“Das ist nur eine kurzfristige Lösung”, erwiderte der Vorsitzende. “Außerdem haben wir dieses Quartal bereits das Ziegenbudget überschritten.”

Ein leiser Husten ging durch den Raum. Niemand sprach aus, was einige dachten: dass im Land ein uralter Dämon hauste, der sich ausschließlich von Subventionen Gebührenanpassungen ernährte. Immer wenn der Preis stieg, vibrierte der Boden wohlig.
Zufall? Selbstverständlich!

Aber eine Verwaltung glaubt nicht an Zufälle - sie glaubt an Formulare, weswegen der entstandene Zufall sofort abgeheftet und archiviert wurde.

Zurück im Omnibus stellte Lirion fest, dass er nun tatsächlich in den Nebelmooren gelandet war. Eine ältere Dame mit einem Korb voller lebender Pilze musterte ihn.

“Sie sehen verloren aus.”

“Ich bin auf dem Weg zur Revolution”, antwortete Lirion höflich.

“Dann sind Sie zwei Haltestellen zu weit.”

Er stieg aus, nahm den nächsten Drachen zurück Richtung Stadt - der Drache bestand auf einem Extraticket für sein linkes Hinterbein - und landete schließlich auf einem völlig falschen Dach.

Doch genau dort warteten bereits Mitglieder der Ticket-Gilde. Sie hatten Banner gemalt, auf denen stand:

FAHRT FÜR ALLE - AUCH FÜR DIE, DIE SIE VERPASSEN!

und diskutierten leidenschaftlich über die Frage, ob man das System lieber stürzen oder nur sehr laut anbrüllen sollte.

Lirion räusperte sich und trug ein Gedicht(*) vor. Es handelte von mutigen Pendlern, tapferen Umsteigern und der großen Schlacht am Fahrkartenautomaten, bei der niemand gewann, aber alle Quittungen erhielten.

[ * Revolutionen beginnen oft mit schlechter Poesie. ]

Die Menge jubelte.

Am Ende der Revolution marschierten alle zum Verwaltungsgebäude. Ein überarbeitet aussehender Beamter erklärte ihnen freundlich, dass die Preiserhöhung leider unumgänglich sei, aber man dafür eine neue App plane, die in Zukunft noch genauer anzeigen würde, dass alles verspätet sei.

[ * Beamte sehen immer überarbeitet aus. Das ist Einstellungsvoraussetzung und Bestandteil der Dienstkleidung. ]

“Und wird es billiger?” fragte jemand.

Der Beamte lächelte gequält. Er würde viel lieber Formulare sortieren. Aber heute musste er etwas sagen. Es war: “Nein”

Die Menge seufzte kollektiv. Ein paar Leute gingen schon wieder nach Hause - sie wollten den letzten Drachen erwischen.

Lirion schaute auf sein Ticket. Es glühte schwach, leicht beleidigt, aber immer noch gültig. Die Welt hatte sich nicht geändert. Sie war nur ein wenig teurer geworden.

“Na gut”, sagte er. “Dann fahre ich eben weiter.”

Er nahm die nächste Bahn. Sie fuhr selbstverständlich in die falsche Richtung.

Doch irgendwie kam er trotzdem an.

Epilog

Irgendwo in der Verwaltung notiert ein Beamter, dass ab 2027 ein “Kostenindex” kommt.

Ein Zwerg murmelt: “Das wird dann der Index der Unendlichen Preiserhöhung”.


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Bilder

Magische Leylinien, beleidigte Tickets und ein Held, der immer die falsche Bahn nimmt - Eine satirische Fantasy über Bürokratie, Preise und Pendlerfrust.
Magische Leylinien, beleidigte Tickets und ein Held, der immer die falsche Bahn nimmt - Eine satirische Fantasy über Bürokratie, Preise und Pendlerfrust.