Offener Brief an:

Zweites Deutsches Fernsehen
Intendant
Dr. Norbert Himmler
55100 Mainz

Herzlichen Glückwunsch, ZDF!

Sie haben es geschafft.

Formulierungen in einem antifaschistischen Lied 1 erschienen Ihnen offenbar problematischer als der Rechtsextremismus, den dieses Lied anprangert.

Das muss man erst einmal schaffen!

Und keine Sorge: Ihren Nachnamen wollte ich in diesem Schreiben nicht instrumentalisieren. Die Versuchung wäre groß gewesen. Aber das wäre ebenso billig, wie eine Debatte über einzelne Liedzeilen zu führen, statt über deren Inhalt zu sprechen. Ich wollte lieber über das reden, worum es eigentlich geht. Schattenboxen ist nicht so mein Ding.

Ein Lied sorgt für Schnappatmung in der Chefetage. Die Realität offenbar weniger. Während demokratische Kontrollmechanismen schleichend geschwächt werden, das Informationsfreiheitsgesetz zur Verhandlungsmasse wird, Überwachung ausgebaut wird und das Vertrauen vieler Menschen in staatliche Institutionen sinkt, entdeckt das ZDF plötzlich seine Prinzipien.

Bei einem Lied. Ausgerechnet dort.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Natürlich darf man über Formulierungen diskutieren. Man darf über Metaphern diskutieren. Man darf über Kunst streiten. Aber wie schaffen Sie es eigentlich, den Elefanten im Raum konsequent zu ignorieren und stattdessen über dessen Rüssel zu debattieren? Das ist eine bemerkenswerte journalistische Leistung.

Sie führen eine Debatte über mögliche Interpretationen einzelner Textzeilen, während die eigentliche Botschaft des Liedes fast vollständig verschwindet. Genau das ist eine Scheindebatte. Nicht das Problem wird diskutiert. Sondern die Art, wie jemand auf das Problem aufmerksam macht. Das kennt man. Wenn der Finger auf den Mond zeigt, diskutiert man lieber über den Fingernagel. Dabei wäre Ihre eigentliche Aufgabe eine ganz andere.

Wo waren die Sondersendungen der Intendanz, als das Informationsfreiheitsgesetz zur Disposition gestellt wurde? Wo waren die öffentlichen Erklärungen der Chefredaktionen, als an einem der wichtigsten Werkzeuge journalistischer Kontrolle gesägt wurde? Wo war die gleiche moralische Empörung?

Oder gilt moralische Empörung nur dann, wenn sie keine ernsthaften Konflikte mit politischen Entscheidungsträgern verursacht? Das ist keine rhetorische Frage. Das ist die Frage. Denn genau hier beginnt mein Problem mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie verstehen sich gern als vierte Gewalt. Dann verhalten Sie sich auch so. Eine vierte Gewalt wartet nicht darauf, dass Politik Themen freigibt. Sie setzt Themen. Sie verteidigt Transparenz. Sie verteidigt Informationsfreiheit. Sie verteidigt demokratische Kontrolle. Nicht parteipolitisch, sondern aus demokratischer Verantwortung. Doch stattdessen entsteht seit Jahren ein anderer Eindruck. Kritische Fragen verschwinden zunehmend aus der Öffentlichkeit. Stattdessen gibt es Hintergrundgespräche. Exklusive Interviews, vertrauliche Runden, persönliche Gespräche.

Natürlich sind Hintergrundgespräche ein legitimes journalistisches Instrument. Aber sie haben einen entscheidenden Nachteil. Die Öffentlichkeit ist nicht dabei. Niemand sieht, welche Fragen gestellt - oder nicht gestellt - werden. Niemand sieht, welche Antworten verweigert werden. Niemand sieht, wenn ausgewichen wird. Demokratische Kontrolle lebt aber von Öffentlichkeit, nicht von Vertraulichkeit.

Und genau deshalb irritiert mich Ihre Entscheidung im Fall Danger Dan so sehr.

Sie vermittelt den Eindruck, dass Sie vor der Kontroverse über ein Lied mehr Respekt haben als vor der Kontroverse über die Zustände, die dieses Lied beschreibt. Falls dieser Eindruck falsch ist, liegt es an Ihnen, ihn zu widerlegen. Nicht mit einer Pressemitteilung, nicht mit juristischen Spitzfindigkeiten, nicht mit dem nächsten Hinweis auf Ihre Programmrichtlinien. Versuchen Sie es doch mal mit Journalismus.

Mit unbequemen Fragen, mit öffentlichen Konfrontationen. Mit derselben Entschlossenheit, mit der Sie ein antifaschistisches Lied auf mögliche Fehlinterpretationen untersuchen. Denn eines sollten Sie niemals vergessen. Demokratie stirbt nur selten mit einem großen Knall. Sie stirbt an tausend kleinen Momenten, in denen diejenigen schweigen, die eigentlich laut sein müssten.

Und genau deshalb ist Ihre Entscheidung so viel mehr als eine Programmentscheidung.

Sie ist ein Symptom.

Wer Symptome ignoriert, darf sich über die Diagnose nicht wundern.

Fazit:

Das ZDF hat nicht Danger Dan zensiert. Das ZDF hat demonstriert, welche Debatten es lieber führen würde.

Viele Grüße von einem Gebührenzahler, der das gerne tut.


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