Triggerwarnung: Ich nehme heute kein Blatt vor den Mund!
Ich bin es endgültig leid. Um es mit den ehrenvollen Worten von Giovanni Trapattoni zu formulieren:
“Was erlauben Wessi? Wessi ist wie Flasche leer! Es gibt im Moment diese Wessi, oh, die vergessen, woher sie sind!”
Auslöser für diesen Text ist eine Aussage von Jens-Christian Wagner.1
Rechtsextreme feiern die SED-Diktatur: Bei ihrer Bewirtschaftung antidemokratischer und antiwestlicher Ressentiments ist diesen Leuten offenbar nichts zu peinlich. 2
Tja, man holt die Leute da ab wo sie sich befinden.
Der Osten hat nie “Demokratie” gelernt. Das war dem Westen auch egal. Hauptsache man konnte nun andernorts Gewinne einfahren.
Das rächt sich heute. Aber gewaltig.
Aber das, das will keiner mehr wissen.
Wundern ist auch einfacher.
Es ist eben alles SED, Sozialismus, Kommunismus, was man nicht versteht. Nichts gelernt, würde ich mal sagen.
Klartext
Die ErlöserparteiPolitische Gruppierung (nennt sich AfD), die gesellschaftliche Krisen und Ängste nutzt, um sich selbst als einzige Rettung des 'wahren Volkes' (Substanzdeutsche) zu inszenieren. Komplexe Probleme werden auf Feindbilder reduziert, während demokratische, gesellschaftliche oder institutionelle Prozesse zunehmend als Hindernis der eigenen 'Erlösung' dargestellt werden. ist und bleibt ein Problem in Deutschland. Im Osten vielleicht etwas mehr als im Westen. Aus meiner Sicht ist das allerdings völlig normal. In einer Welt, die von Angst geprägt ist, realer und provozierter, brauchen Menschen eine Idee von Zukunft, die sie positiv Stimmt. Veränderungen sind nur möglich, wenn Menschen frei von Angst denken können. Ansonsten halten sie an Altbewährtem fest, da sie meinen, bei bekannten Spielregeln das Risiko für sich besser abschätzen zu können. Brüllt mal weiter “alles Nazis”, das wird am Ergebnis inzwischen nichts mehr verändern. CDUPolitischer Zusammenschluss, der den Stillstand zur Ersatzreligion erhoben hat. Jede Veränderung wird als Bedrohung des 'Abendlandes' oder des Wohlstands inszeniert, während die eigene Realitätsverweigerung als 'Stabilität' verkauft wird. Ihr Ziel ist die Konservierung veralteter Privilegien auf Kosten der Zukunftsfähigkeit./CSU sorgen schon dafür und die SPDSozialdemokratie, **ehemals**, heute Mehrheitsbeschaffer Wirtschaftsextremistischer Parteien wie CDU/CSU. hilft dabei.
Das kann man machen. Verstanden habt ihr dadurch allerdings nichts. Gar nichts.
Keinem scheint aufzufallen, dass Höcke mit seiner Aussage, Westdeutsche seien “deutschsprechende Amerikaner” und nur Ostdeutsche seien “richtige Deutsche”, einen tief sitzenden Nerv getroffen hat. Wirklich jeder echauffiert sich über diese Formulierung - aber kaum jemand fragt sich, warum sie überhaupt bei manchen Menschen verfängt. Ich begreife nicht, wie man so blind sein kann. Noch weniger begreife ich, wie einseitig die Geschichte bis heute erzählt wird. Der Ossi kommt darin im Grunde gar nicht vor. Ich spreche hier ganz bewusst von einer Siegermentalität. Denn genau das ist es, was man seit 35 Jahren überall hört:
“Ihr hattet ja nichts.”
“Bei euch gab es ja nichts.”
“Ihr wart pleite.”
“Alles war marode.”
Und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aus Sicht eines Wessis mag das so gewesen sein. Aus Sicht eines Ossis sah die Welt anders aus. Natürlich blieben nach der Wende zunächst viele Ostprodukte in den Supermarktregalen liegen. Meine Güte, wenn ich einmal etwas anderes probieren wollte, griff ich eben zu Jacobs Krönung, Eduscho oder einer der vielen anderen Marken. Die Werbung dafür war schließlich nicht nur im Westen zu sehen. Auch darüber denkt heute kaum noch jemand nach. Mit der Zeit merkten viele Ostdeutsche jedoch, dass zahlreiche ihrer eigenen Produkte schlicht besser waren. Also besann man sich wieder auf das Eigene.
Und das ist auch gut so. Im Osten schmeckt Wurst oft noch nach Wurst - und regional sehr unterschiedlich. Im Westen ist vieles zu einem Einheitsbrei geworden. Dasselbe gilt für Brot, Senf und viele andere Dinge des täglichen Bedarfs. Waren, die es im Osten ebenfalls gab - und zwar jederzeit.
[ Anmerkung: Ich konzentriere mich bewusst auf diese Beispiele, weil sie vermutlich jeder nachvollziehen kann, ohne dass ich lange Erklärungen liefern muss. Ich könnte das genauso gut an vielen anderen Beispielen festmachen. Dafür bräuchte es allerdings ein wohlwollendes Gehirn, das bereit ist, Dinge einmal aus einer anderen Perspektive betrachten zu wollen. ]
Und genau hier scheiden sich die Geister. Der verwöhnte Wessi meint, alles müsse jederzeit und in Hülle und Fülle verfügbar sein - am besten noch fünf Minuten nach Ladenschluss. Im Osten hat man dagegen vernünftig gewirtschaftet. Lebensmittel wegwerfen? Nur wenn es wirklich nicht anders ging. Ansonsten wurde eben so bestellt und verkauft, wie eine Familie ihren Bedarf für den Tag oder die Woche hatte. Ja, kurzfristiger Besuch konnte tatsächlich zu Problemen führen. Aber mal ehrlich: Wie oft kommt das vor? Täglich? Wöchentlich? Der verwöhnte Wessi sieht das anders. Da wird sofort “Sozialismus!” gebrüllt, wenn das Hackfleisch kurz vor Feierabend ausverkauft ist.
So sind Menschen. Vor allem in einer Gesellschaft, die Maßhalten für Mangel hält.
Die schütteten lieber einen halben Liter Milch weg, sobald er vermeintlich zu alt ist. Für mich ist das die Antwort auf die Obsession der Wessis hinsichtlich des Mindesthaltbarkeitsdatums. Alles was über dem Datum liegt ist bei denen unausweichlich tödlich wirkend.
Not macht erfinderisch. Überfluss führt dagegen allzu oft zu Verschwendung - und zum Glauben, von allem müsse jederzeit mehr als genug vorhanden sein.
Im Osten war tatsächlich vieles deutlich besser als im Hier und Heute. Nicht alles. Aber vieles. Nur eben auf eine andere Art besser. Um das zu erkennen, braucht es allerdings den Willen, sich mit einer anderen Mentalität auseinanderzusetzen. Und genau diesen Willen erkenne ich - 35 Jahre nach der Wende - bis heute nicht. Das ist das eigentlich Traurige. Es gibt sogar Ossis, die sich freiwillig vor jeden Wessi werfen und in denselben Kanon einstimmen. Irgendwie müssen sich manche eben produzieren. Man wird ja sonst nichts und bleibt auf Dauer ein Niemand.
Ich erinnere nur an “Zonen-Gaby”, herausgegeben vom Titanic-Magazin. Der Westen lachte gemeinsam darüber. Im Osten sorgte das für Irritationen. Mich persönlich hat es damals verletzt. Oder erinnert sich noch jemand an die Schlagzeile “Jammer-Ossis”? Oder an die ständigen Vorwürfe, Ossis seien arbeitsscheu? (siehe ganz unten, ein Beispiel, ganz aktuell, von heute!) Ich möchte mich gar nicht an all die dummen Sprüche erinnern, die ich mir damals anhören durfte. Anfang der 90er habe ich deshalb Reißaus genommen. Als Fernfahrer war ich lieber in Spanien oder Portugal unterwegs. Ich habe es schlicht nicht mehr ertragen.
Wie viele Jahre musste ich mir außerdem anhören, den Solidaritätszuschlag würden ausschließlich die Westdeutschen bezahlen.
Ach?
Ach was?
Das war einer der Momente, in denen mir klar wurde, dass vernünftiger Journalismus im Westen genauso wenig selbstverständlich ist wie er es früher in der DDR war. Denn sonst hätte jeder Wessi gewusst, dass den Solidaritätszuschlag alle bezahlt haben. Bis heute muss ich mir solche Sprüche anhören. Wie eingangs erwähnt: “Ach, ihr hattet ja nichts.” Ein Satz, der mich regelmäßig auf die Palme bringt. Wir hatten wesentlich mehr - nur unter anderen Voraussetzungen.
Natürlich, und das möchte ich an keiner Stelle verschweigen oder relativieren, gab es in der DDR Unrecht. Insbesondere bei den Menschenrechten, gemessen an internationalen Maßstäben, gab es erhebliche Defizite. Aber deshalb war nicht automatisch alles schlecht. Im Gegenteil. Wir hatten vieles, was man sich im Westen heute kaum noch vorstellen kann. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem. Der Westen hat den Osten nie wirklich verstehen wollen, weil er davon ausging, nichts mehr lernen zu müssen. Verstehen heißt nicht, alles gutzuheißen. Verstehen bedeutet, sich mit den Erfahrungen, den Lebenswirklichkeiten und den Mentalitäten anderer auseinanderzusetzen. Genau das ist nach der Wiedervereinigung nie passiert. Stattdessen wurde erklärt. Bewertet. Belehrt. Und irgendwann glaubte man sogar, den Osten besser zu kennen als die Menschen, die dort ihr ganzes Leben verbracht hatten. Demokratie bedeutet nicht nur, andere wählen zu lassen. Demokratie bedeutet auch, andere Lebenswirklichkeiten verstehen zu wollen. Daran ist Deutschland nach der Wiedervereinigung grandios und vollumfänglich gescheitert.
Was verdient man eigentlich im Osten? Und dann wird ernsthaft darüber diskutiert, Renten zu kürzen, weil “die im Westen” ja angeblich genug eingezahlt hätten. Und der Osten? Der wird schon wieder vergessen. Oder sollte ich besser sagen: bewusst übergangen? Schließlich hatten die im Osten ja nichts. Zumindest erzählt man sich diese Geschichte bis heute.
“Wir haben den Auftrag zur Regierungsbildung.”
Ein Satz, den man nach jeder Wahl hört, sobald eine Partei die meisten Stimmen erhalten hat. Mal sehen, wie das in Sachsen-Anhalt laufen wird. Wenn CDU und SPD - möglicherweise mit Unterstützung der Linkspartei - versuchen sollten, die Erlöserpartei um jeden Preis von der Regierung fernzuhalten, dann wird genau das passieren, was seit Jahren passiert:
Noch mehr Menschen werden aus Protest genau diese Partei wählen. Es ist längst zu spät, daran noch grundlegend etwas zu ändern. CDU, CSU, SPD und FDPEine Kaderabteilung des Wirtschaftsextremismus, die den 'Markt' als unfehlbare Gottheit verehrt. Soziale Verantwortung und ökologische Notwendigkeiten werden als 'Ideologie' gebrandmarkt, während die eigene Klientelpolitik für Superreiche als 'Freiheit' getarnt wird. Agiert oft unter dem Deckmantel der Technologieoffenheit, um fossile Geschäftsmodelle zu retten. haben über Jahrzehnte alles dafür getan, dass eine Erlöserpartei immer stärker werden konnte. Da hilft auch kein Parteiverbot mehr. Etwas als undemokratisch zu bezeichnen, macht das eigene Handeln noch lange nicht demokratisch.
Und je häufiger die Wähler dieser Partei pauschal als Nazis beschimpft werden, desto mehr Menschen werden genau diese Partei wählen. Nicht trotz dieser Beschimpfungen. Sondern auch wegen ihnen. Ich sage es einmal bewusst sarkastisch:
Höcke hatte mit seiner Aussage, nur Ostdeutsche seien “richtige Deutsche”, in einem Punkt durchaus recht.
Nicht wegen der Aussage selbst. Sondern weil viele Ostdeutsche bereits nach nur 35 Jahren begriffen haben, dass Demokratie offensichtlich auch dazu benutzt werden kann, jahrzehntelang vor allem den eigenen Machterhalt zu sichern. Ich spreche ausdrücklich von den Parteien, die seit 1949 die Bundesrepublik geprägt haben. Parteien neueren Datums meine ich damit ausdrücklich nicht.
Und dann treten Historiker, Politikwissenschaftler und andere Gelehrte auf. Menschen, die vor lauter Siegermentalität kaum noch geradeaus laufen können. Aus ihrer Sicht mögen sie sogar Recht haben. Für mich beweist das allerdings nur eines: Sie waren in 35 Jahren weder willens noch in der Lage, selbst noch etwas zu lernen. “Aber mein Professor hat gesagt …!” Und schon wurde alles zum Gesetz. Vielleicht hätte der Westen zuerst einmal lernen müssen, den Osten überhaupt erst einmal zu verstehen. Aber wem erzähle ich das? Weder große Teile der Wissenschaft noch des Journalismus scheinen sich ernsthaft für solche Fragen zu interessieren. Hauptsache, man behält recht. Alles andere könnte schließlich der eigenen Reputation schaden. Und genau so läuft der Hase. Alles, was nicht dem Mainstream entspricht, wird als unnütz abgestempelt. Alles, was nicht zur eigenen Meinung passt, wird aussortiert oder lächerlich gemacht.
Findet den Fehler.
Findet den Fehler!
Ach ja - und findet euch schon einmal damit ab, dass die Erlöserpartei in Sachsen-Anhalt irgendwann Regierungspartei sein wird. Vielleicht sogar ohne Koalitionszwang. Bedankt euch dafür bei CDU, CSU und SPD. Nicht bei den Wählern. Denn genau diese Parteien haben in den vergangenen Jahrzehnten wirklich alles dafür getan, dass sich immer mehr Menschen von ihnen abwenden. Und der Osten? Der wählt zunehmend rechts. Nicht, weil plötzlich alle Extremisten geworden sind. Sondern weil viele den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen wollen - selbst dann, wenn sie am Ende dadurch vielleicht noch schlechter dastehen als zuvor. Wer kann es ihnen verdenken?
Wer 35 Jahre lang das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden, dessen Frust wächst. Wer 35 Jahre lang erlebt, dass die eigene Lebenswirklichkeit belächelt, erklärt oder schlicht ignoriert wird, sucht sich irgendwann ein Ventil. Ich kann verstehen, warum jemand diese Partei wählt. Nachvollziehen kann ich diese Entscheidung trotzdem nicht.
Und genau an diesem Satz werden wieder einige scheitern.
Für manche ist jede Form von Differenzierung bereits ein Problem. Sie verstecken sich lieber hinter Begriffen wie “Nazis”, weil das einfacher ist, als sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Differenziertes Denken ist anstrengend. Es verlangt, bereits Erlerntes zu hinterfragen. Es verlangt, die Möglichkeit zuzulassen, dass man selbst vielleicht nicht alles weiß. Und vor allem verlangt es, sich mit anderen Mentalitäten auseinanderzusetzen. Genau das ist nach der Wiedervereinigung nie geschehen. Der Westen hat den Osten nie wirklich verstehen wollen, weil er davon ausging, nichts mehr lernen zu müssen. Vielleicht liegt genau darin der größte Fehler der vergangenen 35 Jahre. Nicht in den unterschiedlichen Lebensläufen. Nicht in den unterschiedlichen Erfahrungen. Sondern in der Überzeugung, dass nur eine Seite überhaupt etwas zu sagen hätte.
Demokratie bedeutet nicht nur, Mehrheiten zu akzeptieren. Demokratie bedeutet auch, anderen zuzuhören. Andere Erfahrungen ernst zu nehmen. Andere Mentalitäten verstehen zu wollen. Genau daran ist Deutschland nach der Wiedervereinigung gescheitert.
Noch Fragen?
Gern per Mail.
Denn dieser Text wird mit Sicherheit wieder für Aufregung sorgen. Der Unterschied zu früher ist nur: Dieses Mal stelle ich mich der Diskussion.
Zusatz
Noch mal zum Auslöser dieses Textes. Für mich immer wieder ein bemerkenswertes Framing, auf SED (oder ähnliches) zu verweisen, nur um nicht verstehen zu müssen, was dort genau passiert ist. Triggerpunkte nennt man das, also eine Art “Klickbait”, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Der Herr Wagner ist aber nicht alleine. Marco Fechner 3 bläst in das gleiche Horn.
Wundert mich nullkommanull. Die Ost-AfD ist die geistige SED-Nachfolge incl. Stasi-Mitarbeitern, autoritärem Denken und nun auch der SED-Hymne. Die wissen genau, welche Knöpfe sie bei ihrem Publikum drücken müssen.
Die Ost-AfD ist der geistige Nachfolger. Ja wenn das so ist? Jetzt wird die Partei “Die Linke” genau wo hin gestellt? Früher hieß es immer, dass diese Partei der Nachfolger der SED sei. So kann man sich irren.
Weitere Kommentare
Dieser Art #Ostdeutsche ging es eben schon damals nicht um Demokratie, Menschenrechte o.ä., sondern sie wollten die D-Mark und Flüge nach Malle, und ein Wohlstandsniveau, wie sie es aus den Daily Soaps im Westfernsehen kannten. Natürlich ohne ernsthaft dafür zu arbeiten. Hauptsache der Wessi zahlt. 4
“… natürlich ohne dafür zu arbeiten … “
Ach?
Ach was?
So ein Kolumnist vom Tagesspiegel.
Noch Fragen? Ich nicht.
Ich bin es leid, alles!
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Falls ihr welche loswerden wollt, per Mail oder Bluesky.
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